500 Jahre Reformation

Von Wittenberg nach Oldenburg

 

Im Kloster haben die Mönche gerade die Vorabendvesper zu Allerheiligen gesungen. Es ist noch Zeit bis zur Komplet und so zieht Bruder Stephanus durch den grauen Nieselregen von Wittenberg. Wir schreiben das Jahr des Herrn 1517.
Bruder Stephanus zieht zum Schlossplatz, nur mal schauen, ob Neuigkeiten am schwarzen Brett stehen.
Als er um die Ecke biegt, sieht er schon Menschen sich vor der Tür der Schlosskirche drängen und eifrig diskutieren: „Na, der traut sich was!“ „Wenn das der Papst erfährt!“ „Ketzerei!“ Bruder Stephanus schiebt sich durch die Menschen nach vorne. Über den ganzen kleinen und vom Regen zerwellten Zetteln hängt ein großes Papier. Was er das liest ist unglaublich:
„1. Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: Tut Buße, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei. 5. Der Papst kann nicht irgendwelche Strafen erlassen. 21. Es irren daher die Ablassprediger. 86. Warum baut der Papst nicht wenigstens die eine Basilika des heiligen Petrus von seinen eigenen Geldern?“ Und so weiter und so fort.
Und unter der Nr. 95 steht dann der Verfasser: Doktor Martinus Luther. Stephanus kennt ihn genau von den Vorlesungen in der Universität und er weiß, was für Querkopf Doktor Luther ist.Aber das hier, denkt Stephanus, das ist bahnbrechend. Und in dem Moment reißt ein Mann den Bogen ab und ruft „Das muss gedruckt werden!“ Und rennt fort. Die Menge schreit und ruft. Bruder Stephanus aber ist in Gedanken versunken. Wo soll das nur hinführen?

 

Am kommenden Morgen, ca. 2.800 Meilen entfernt im Nordwesten, fällt auch in der Grafschaft Oldenburg Nieselregen. In der Stiftskirche St. Lamberti sind zum Hochfest Allerheiligen Kerzen an allen 19 Altären angezündet. Die 23 Priester von St. Lamberti haben ihre festlichsten Messgewänder angezogen und lesen an den Altären die Messe auf Lateinisch, die einen schneller, die anderen langsamer. Graf Johann V. und seine Gemahlin Gräfin Anna wohnen diesem Spektakel bei, während sich hinten links zwei Viehhändler streiten. Von einem Martin Luther hat hier noch niemand gehört.

Und so dauerte es ungelogen zehn Jahre, in denen der Nieselregen unaufhörlich fiel, bis die ersten Ausläufer der Luther’schen Ideen die Grafschaft Oldenburg erreichten. Anno 1527 führt Priester Renzelmann in Lamberti die Sitte ein, die Messe nun auf Deutsch zu feiern, wie sie Doktor Luther in seinem Buch „Deutsche Messe“ vorgesehen hatte. Grafenwitwe Anna was not amused: „Wir glauben, Pater Renzelmann hat sich eine Beförderung verdient. Wir ernennen hiermit die Kapelle St. Secundus in Schwei zur Pfarrei und Pater Renzelmann zu ihrem ersten Pfarrer. Gratulation!“ Pater Renzelmann verbeugte sich zähneknirschend: „Wesermarsch! Ausgerechnet Wesermarsch!“
Zwei Jahre sollten noch ins Land gehen, bis ein gewisser Ummius Ulricus (ursprünglich aus der Wesermarsch stammend) als Magister von der Universität Wittenberg zurückkehrte und bei der Grafenfamilie vorsprach, die sich inzwischen wegen der protestantischen Sache zerstritten hatte. Gräfin Anna zog sich schließlich müde auf ihren Witwensitz in Varel zurück, ihr Ältester Johann VI überließ die Regentschaft großmütig dem Jüngsten. Vivat Graf Anton! Und Anton und Ummius erklärten noch im selben Jahr, Anno Domini 1529 die Grafschaft Oldenburg für lutherisch!

 

Ein weltgeschichtliches Ereignis

Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasses. Der berühmte Thesenanschlag Luthers an die Tür der Wittenberger Schlosskirche gilt als Beginn der Reformation – ob dieses Ereignis geschichtlich belastbar ist, ist mit Blick auf die Wirkungsgeschichte kaum relevant:

„Die Reformation hat in einer neuen Weise den allein durch Christus gerechtfertigten Menschen als unmittelbar vor Gott stehende Person entdeckt. Sie hat Identität und Wert dieser Person allein in der Anerkennung durch Gott begründet gesehen, unabhängig von natürlicher Ausstattung (Geschlecht), gesellschaftlichem Status (Stand), individuellem Vermögen (Erfolg) und religiöser Leistung (Verdienst). So hat sie die Freiheit als wesenhafte Bestimmung dieser Person erkannt. (…) Aus reformatorischer Sicht gilt all dies kraft des Glaubens: Im Glauben wird der Mensch zu der Person, die von Gott anerkannt und so frei ist. Doch haben die spezifisch reformatorischen Aussagen über die Person, ihre Freiheit und Verantwortung eine (…) Dynamik entfaltet, die im Lauf der Jahrhunderte weit über Kirche und Christenheit hinaus in das Ganze der abendländischen Welt – und dann auch über sie hinaus – hineingewirkt hat. Das gilt insbesondere für die Bereiche Kultur, Wissenschaft und Bildung, Recht, Politik, Wirtschaft.“ (aus: „Perspektiven für das Reformationsjubiläum 2017“, hg. vom Wissenschaftlichen Beirat für das Reformationsjubiläum 2017)

Am 31. Oktober 2017 jährt sich der Thesenanschlag zum 500. Mal. Dieses Jubiläum ist Anlass, die eigene Prägung zu vergegenwärtigen und das protestantische Profil zu schärfen. Fast der gesamte europäische Protestantismus ist an der Vorbereitung beteiligt und auch die Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg ist Teil dieses Prozesses. Dies führt zur Vergewisserung eigener Positionen, zur Stärkung des Miteinanders im Nordwesten und zu einem Blick nach vorn. Und das geschieht ganz praktisch, indem Vorhandenes wie Neuentdecktes, Geübtes wie Selbstverständliches in Beziehung zum Reformationsgeschehen gebracht wird. Ziel ist, die Relevanz der reformatorischen Erkenntnisse für heute zu entdecken und weiter zu entwickeln, damit die Kirche sprachfähig bleibt.

Veranstaltungen

500 Jahre Reformation - ein Glaubens-Fest
31. Oktober 2017 - 18:00

Festgottesdienst mit anschl. Fest im Gemeindehaus Martin-Luther-Kirche, Süddorf

Martin Luther - Musical
25. November 2017 - 18:00

Musical des Kinder- und Jugendchores des Kirchengemeinde Westerstede Eintritt frei St. Petri-Kirche Westerstede